Grundsätzliches über Stauden

Die Natur zeigt ihre Herrlichkeit jeden Tag, das ganze Jahr über. Deshalb sollte es möglich sein, dass auch ein Garten zwölf Monate lang seine Schönheit offenbart. Diejenigen allerdings, für die Schönheit sich ausschließlich in kräftigen Farben äußert, müssen lernen Pflanzen, Formen und die zu Grunde liegenden Strukturen mit neuen zu Augen sehen.

Wenn Sie Stängel, Blätter und Fruchtstände in ihrer Linienführung und Gestalt sowie in ihren Brauntönen und neutralen Farben schätzen gelernt haben, erkennen Sie auch besser die Möglichkeiten, wie man den Traum eines jeden Gärtners verwirklichen kann: ein Garten, der das ganze Jahr über interessant wirkt. Um dies auf befriedigende Art und Weise zu bewerkstelligen, muss man die Abläufe und Rhythmen der Natur kennen und verstehen, wie die unterschiedlichen Pflanzenarten in ihren verschiedenen Lebensräumen davon betroffen sind.

Die Zyklen der Natur sind anerkanntermaßen von grundlegender Bedeutung für den Gartenplaner. Es wurde bereits beschrieben, wie schattenverträgliche Waldpflanzen dazu neigen früh zu blühen, ihnen dann die Arten folgen, die am Waldrand siedeln und dass erst gegen Ende des Sommers die großwüchsigen, die Sonne liebenden Pflanzen in Erscheinung treten. Es ist auch wichtig, daran zu denken, dass Pflanzen unter ungünstigen Standortbedingungen, ebenfalls dazu neigen, früh zu blühen: Zum Beispiel kann zu wenig Licht in einem Wald für eine Pflanze Stress bedeuten. Pflanzen aus trockenen Lebensräumen müssen früh im Jahr blühen, aussamen und wachsen, solange die Erde noch feucht vom winterlichen Regen oder von der Schneeschmelze ist. Bevor die Sommerhitze einsetzt, treten sie in eine Ruhephase ein. Aus diesem Grund blühen Pflanzen in Regionen, in denen häufig Dürre herrscht, vor allem im Frühjahr oder im Frühsommer.

Viele Zwiebelgewächse kommen ursprünglich aus solchen Gegenden. Pflanzen, deren Lebensraum stressfrei ist und sich durch nährstoffreiche, fruchtbare Böden und viel Wasser auszeichnet, brauchen nicht um die nötige Ellbogenfreiheit zu kämpfen — sie können mit dem Blühen warten. Deshalb blühen Pflanzen aus Feuchtgebieten meist später. Viele der schönsten Gewächse für ein spätes Staudenbeet haben Vorfahren in den feuchten Gebieten der amerikanischen Prärielandschaft, wo die Böden fruchtbar sind und es selten zu längeren Trockenperioden kommt.Soll ein Garten zu jeder Jahreszeit interessant wirken, sind zwei Dinge zu berücksichtigen: Erstens muss man die wirklich beeindruckenden Ereignisse einer Jahreszeit besonders hervorheben wie etwa das Spiel der Herbstfarben. Zweitens muss man sich um Kontinuität bemühen, indem man sich subtiler, länger anhaltender Elemente bedient wie zum Beispiel das Blattwerk. Auffallendes Laub oder Blätter, die einfach etwas anders aussehen wie die geraden Blattlanzen der Iris oder die Halme von Gräsern, bieten sich geradezu dazu an, die unterschiedlichen Jahreszeiten miteinander zu verbinden. Auch die Wuchsform ist für die Kontinuität sehr wichtig, obwohl gerade die Gestalt der Stauden einem ständigen Wandel unterliegt, so dass hier Kontinuität mit Entwicklung einher gehen. Sträucher und Gehölze, insbesondere streng geschnittene immergrüne Pflanzen, werden traditionell als Elemente der Kontinuität eingesetzt. Sie lassen jedoch, wenn man sich zu sehr auf sie ver-lässt, den Garten langweilig wirken. Die holzige massige Gestalt eines Strauches ist immer präsent, ob mit oder ohne Blattwerk, und wenn Sträucher auf Grund ihrer Masse wertvoll für den Gärtner sind, muss man sich zugleich fragen, wie viele Gärten tatsächlich Platz für derartige Ausmaße haben. Bambus stellt eine gute Alternative dar, um Kontinuität zu gewährleisten: Er ist immergrün, hat einen eleganten Wuchs, er strebt eher in die Höhe und nimmt nicht so viel Raum ein. Die meisten Bambusse verbreiten sich allerdings mit Ausläufern. Eine 20 bis 30 cm tief in den Boden eingesenkte Barriere hält ihren Ausbreitungsdrang in Grenzen.

Besondere Beachtung verdienen die Stauden, die schon relativ früh erscheinen und dann sehr lange ihr auffälliges Erscheinungsbild bewahren. Eine dieser Stauden ist Veronicastrum virginicum mit ihren zarten senkrechten, biegsamen Blütenständen, die vom Früh- bis in den Hochsommer hinein aufblühen. Ihre skulpturale Schönheit bewahrt die Pflanze bis weit in den Winter hinein. Die Indianernesseln sind später dran, aber nachdem die farbenprächtigen Blüten verwelkt sind, behalten sie ihre ziemlich kompakten, quirligen Samenstände auf den aufrecht stehenden Stängeln bis in den Winter. Einige Stauden zeigen monatelang vor ihrer eigentlichen Blüte eine ausgeprägte Gestalt, wie zum Beispiel die Kratzdisteln mit ihren dichten Rosetten von gezähnten Blättern. Diese Pflanzen mit ihrer markanten Gestalt eignen sich besonders gut für die Verlängerung einer Jahreszeit. Im Gegensatz dazu hat der Storchschnabel nichts Langlebiges, er blüht im Frühsommer herrlich und ist danach nur noch eine wuchernde Masse grüner Triebe. Allerdings blühen einige Geranium-Arten im Spätsommer noch einmal.

Jeder Garten ist anders, auch wenn in einigen Regionen bestimmte Pflanzen nach der Blüte, vor allem im Herbst, wenn es feucht ist, dazu neigen umzuknicken. Stark nährstoffhaltige Böden führen bei einigen Pflanzen zu einer Schwächung des Gesamtaufbaus. Wenn man Pflanzen so dicht zusammenstellt, dass sie sich gegenseitig Halt geben, lässt sich dem Umknicken vorbeugen — so werden die zuvor erwähnten Storchschnäbel in ihrem natürlichen Umfeld durch Gräser gestützt.
Selbstverständlich sind Gräser wesentliche Elemente für den Bestand eines Gartens. Die Farben der immergrünen Grasarten unterscheiden sich häufig stark von dem der traditionell verwendeten immergrünen Gehölze. Gleichzeitig sind die höheren Arten Gewächse, die sich im Laufe eines halben Jahres nur langsam verändern und außerdem unwirtlichem Wetter besser standhalten als die meisten blühenden Stauden.

Es gibt allerdings Erscheinungen, die jeder Jahreszeit ein besonderes Gepräge verleihen und die deshalb für den Gärtner interessant sind. Wir alle kennen diese Bilder: die Zwiebelblumen im Frühling, die das frische, junge Wachstum anzeigen, die kräftigen Blütenfarben im Sommer sowie Samen, Früchte und Rottöne in allen Schattierungen im Herbst. Dieses Kapitel widmet sich unter dem Aspekt, Natur und Garten miteinander zu verbinden, vor allem diesen besonderen Ereignissen — jedes einzelne ein Merkmal seiner Jahreszeit.